Dr. h.c. Karl Wilhelm Fricke
Der renommierte Journalist Karl Wilhelm Fricke gehört zu mehreren hundert Entführungsopfern,
die vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gewaltsam in die DDR gebracht wurden.
1929 in einem kleinen Dorf bei Aschersleben geboren, erlebte er als Sechzehnjähriger,
wie die sowjetische Geheimpolizei im Juni 1946 seinen Vater verhaftete. Als so genannter
Junglehrer wurde er 1949 nach einer Denunziation durch eine Kollegin im Unterricht verhaftet.
Er konnte jedoch aus dem Polizeigewahrsam entkommen und über die innerdeutsche Grenze in
den Westen fliehen. In West‑Berlin studierte er anschließend Politische Wissenschaften
und begann, als freier Journalist zu arbeiten. Seine Beiträge für Presse und Rundfunk,
in denen er auch Informationen der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit und des Untersuchungsausschusses
Freiheitlicher Juristen verarbeitete, widmeten sich vorwiegend der politischen Verfolgung in der DDR.
Der Staatssicherheitsdienst ließ ihn im April 1955 durch einen Bekannten, der sich später
als Geheimer Stasi‑Mitarbeiter entpuppte, mit sogenannten K.O.‑Tropfen betäuben und
nach Ost‑Berlin entführen. Anschließend wurde Fricke über ein Jahr im
Untersuchungsgefängnis Berlin‑Hohenschönhausen verhört. Das Oberste Gericht
verurteilte ihn schließlich wegen Boykotthetze zu vier Jahren Zuchthaus, die er
in Brandenburg‑Görden und in Bautzen II absitzen musste. Nach seiner Haftentlassung 1959
wirkte er als Publizist und Redakteur beim Deutschlandfunk in Köln. Seine damals gegen
erhebliche politische Widerstände erschienenen Bücher zur politischen Verfolgung und
zum Widerstand in der DDR gelten heute als Standardwerke. Das MfS überwachte ihn bis 1989
auch in der Bundesrepublik. In den 1990er Jahren war er Sachverständiger zweier
Enquete‑Kommissionen des Bundestages und bekam 1996 für seine Aufklärungsarbeit
über die SED‑Diktatur vom Fachbereich Politische Wissenschaft der Freien Universität Berlin die Ehrenpromotion zum Dr. phil. h.c. verliehen.
2001 wurde Fricke mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse ausgezeichnet. Er erhielt im Jahre 2008 den Einheitspreis der Bundeszentrale für Politische Bildung und
im Jahre 2010 den Hohenschönhausen‑Preis zur Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur des Fördervereins.
Literaturhinweise:
Karl Wilhelm Fricke,
Politik und Justiz in der DDR. Zur Geschichte der politischen Verfolgung 1945‑1968. Bericht und Dokumentation (1979);
Die DDR‑Staatssicherheit. Entwicklung, Strukturen, Aktionsfelder (1982);
Opposition und Widerstand in der DDR. Ein politischer Report (1984);
Akten‑Einsicht. Rekonstruktion einer politischen Verfolgung (1995);
Der lange Arm der Stasi: Folter, Psychoterror, DDR‑Nostalgie ‑ Persönliche Zeugnisse (2009)































