Mit Dank an den Journalisten Thomas Purschke veröffentlichen wir hier einen von Ihm in gekürzter Form am 7.5. in der Leipziger Volkszeitung erschienenen Nachruf auf die am 6. Mai 2018 verstorbene DDR-Widerständlerin und Journalistin Ellen Thiemann

Ellen Thiemann (Foto:privat)

“Ein großer Verlust für die weitere Aufarbeitung der DDR-Diktatur”
von Thomas Purschke
Die Kölner Publizistin und Autorin vielbeachteter Bücher über das einst berüchtigte DDR-Frauenzuchthaus Hoheneck, Ellen Thiemann, ist am Sonntag, den 6. Mai, nach langer, schwerer Krankheit im Alter von fast 81 Jahren verstorben, wie die Familie mitteilte.

“Der Tod von Ellen Thiemann ist ein großer Verlust, als bedeutsame Zeitzeugin wird sie uns bei der Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur und deren Verbrechen, in Zukunft sehr fehlen.”, teilte das Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V. am Sonntag mit.

Die Leipziger Einrichtung, entstanden als Folge der Friedlichen Revolution 1989, wolle “mit der Übernahme des Nachlasses und des umfangreichen Forschungsarchives das Vermächtnis von Frau Thiemann, das man über diese Verbrechen niemals schweigen dürfe, fortsetzen und den wichtigen Nachlass für die weitere wissenschaftliche Forschung zur Verfügung stellen.”

In ihrem überaus ereignisreichen Leben hatte Ellen Thiemann deutsche Geschichte der schlimmsten Art erfahren. Als wichtige Zeitzeugin der SED-Diktatur
bleiben ihre Schilderungen als Mahnung für die Nachwelt bestehen: „Ich bin am Leben geblieben, weil ich meinen Sohn wiedersehen wollte. Wenn ich kein Kind gehabt hätte, dann hätte ich dieses Martyrium in der Stasi-Haft und danach im Frauengefängnis Hoheneck nicht überlebt.“
Auch die “schreckliche Bombennacht am 13. Februar 1945 in Dresden” hatte Ellen Dietrich, so ihr Mädchenname, als Siebenjährige mit der Mutter, den beiden Geschwistern und der Großmutter in der Nähe des Neustädter Bahnhofs erlebt. „Es war ein riesiges Chaos, nahezu die ganze Stadt brannte. Für uns Kinder besonders schrecklich war, diese Leichenberge zu sehen, die in den Tagen danach aus den Trümmern zusammengetragen wurden.“, sagte sie im Jahr 2017. Ellen Thiemann konnte sich noch gut an das blutrote Dresden im Phosphor-Feuer  und die Fliegergeschwader am Himmel erinnern. Das Wohnhaus der Familie war total zerstört, sie wurden dann zunächst bis zum Kriegsende ins Sudetenland evakuiert. Der Vater war im Krieg und danach in russischer Gefangenschaft. Auch die Schulkinder mussten bei der Trümmerbeseitigung mithelfen. In Dresden-Blasewitz besuchte sie dann später die Oberschule. Ihr Vater war Journalist, wurde Chefredakteur der „Sächsischen Neuesten Nachrichten“ in Dresden.
Im Jahr 1957 zog die Familie Dietrich nach Ostberlin. Der Zwillingsbruder von Ellen Thiemann, nutzte die Gelegenheit und setzte sich nach Westdeutschland ab, um dort ein Leben in Freiheit zu führen, woraufhin der Vater große Schwierigkeiten in der DDR bekam.
Ellen Thiemann reflektierte im Jahr 2017: „Wir waren sehr oft in West-Berlin. Besonders gerne gingen wir ins Kino. Die Nachmittagsvorstellungen waren für uns aus dem Osten ziemlich preiswert. Ich hatte viele Freundinnen und Freunde in West-Berlin, war in einem Schauspiel- und Step-Club. Nach dem 13. August 1961, dem Tag des Mauerbaus, wurden diese Freundschaften brutal auseinandergerissen.“ Bereits 1960 heiratete sie den einstigen Fußballer und DDR-Sportjournalisten Klaus Thiemann, ein halbes Jahr später kam der gemeinsame Sohn Carsten zur Welt.
Ellen Thiemann arbeitete bei der DEWAG-Werbung in Ostberlin, einer Staatsagentur.
1972 wollte das Ehepaar Thiemann mit dem elfjährigen Sohn mit Unterstützung einer Fluchthelferorganisation per Auto in den Westen mit gefälschten Pässen flüchten. Die fehlende Rede- und Reisefreiheit, die Propagandalügen der SED, das alles wollte Ellen Thiemann nicht mehr hinnehmen. Am 29. Dezember 1972 stieg der Sohn in Ostberlin in das Auto des Fluchthelfers. Die Mutter sollte einen Tag später nachgeholt werden, der Vater zwei Wochen später. Ellen Thiemann musste einige hundert Meter entfernt mitansehen, wie das Auto, worin ihr Sohn versteckt war, nach offensichtlichem Verrat, am Grenzübergang Berlin-Invalidenstraße von den DDR-Grenzern sofort umstellt und durchsucht und ihr Sohn sowie der Fluchthelfer mitgenommen wurden. Die Erinnerung an diese Szenen, taten ihr zeitlebens “körperlich weh“. Ihr Mann und sie wurden noch am selben Tag zur Vernehmung in das Polizeirevier Keibelstraße in Ostberlin gebracht. Dort nahm Ellen Thiemann den Fluchtversuch, wie vorher verabredet, ganz allein auf sich, damit der Sohn nach der Inhaftierung der Mutter, beim Vater bleiben konnte. Während ihr Ehemann nach einem Tag entlassen wurde, folgten für Ellen Thiemann fast zweieinhalb Jahre Freiheitsentzug, zuerst im Stasi-Untersuchungsgefängnis Berlin-Hohenschönhausen, dann im DDR-Frauengefängnis Hoheneck. Diese Zeit war geprägt von „vielen schlimmen Erniedrigungen und Erfahrungen“, wie sie dem Autor im Jahr 2017 berichtete:
„Nach der Einlieferung in den Knast brach ich erstmal völlig zusammen, hatte tagelang Weinkrämpfe. Den Schlafentzug und die Psychopharmaka, die Drohungen mein Kind sehr lange nicht wiederzusehen und die langen Verhöre waren die reinste Folter. Das Gefängnis Hoheneck, wohin ich nach sieben Monaten kam, war die absolute Hölle. Im Winter war es grausam kalt, es gab kein warmes Wasser. Wir, die politischen Häftlinge, sassen dort zusammen mit Mörderinnen, Kriminellen und auch einigen Täterinnen aus der Nazi-Diktatur. Teilweise waren 42 Frauen in einem Raum mit Dreistock-Betten, zusammengepfercht. Die hygienischen Bedingungen und das Essen waren katastrophal, sowie auch die medizinische Betreuung.“ Im Dreischichtsystem musste sie Elektromotoren für Waschmaschinen zusammenlöten, die dann im Westen für Dumpingpreise verkauft wurden. Zudem musste sie Doppelschichten ableisten und Wandteppiche per Hand knüpfen, die auch politische Motive trugen.
Nach ihrer Entlassung im Mai 1975 erfolgte der nächste Schock für die bis zuletzt couragierte Frau.
Ihr Ehemann lebte inzwischen mit einer neuen Frau zusammen, ohne ihr dies während ihrer Haftzeit mitgeteilt zu haben. 1973 hatte sich Klaus Thiemann auch als Inoffizieller Mitarbeiter bei der Stasi verpflichtet und bis zum Mauerfall über zahlreiche Menschen Informationen an die DDR-Geheimpolizei geliefert. Nach vollzogener Scheidung konnte Ellen Thiemann gemeinsam mit ihrem Sohn am 19. Dezember 1975 aus der DDR ausreisen.
Der Start damals im Westen sei schwer gewesen, ein neuer Haushalt musste angeschafft werden und die Fluchthelfersumme war abzuzahlen, unabhängig davon, das die Aktion gescheitert war. Das Allerwichtigste jedoch war etwas viel Bedeutsameres, wie sie 2017 in einem langen Gespräch reflektierte: „Wir waren endlich in Freiheit, mein Sohn und ich.“ Per Zeitungsannonce kam sie zu einem Lifestyle-Magazin, wo sie Recherchereisen nach Mexiko und Florida führten, Destinationen, von denen sie in der DDR immer geträumt hatte.
Ab 1978 arbeitete sie bis zur Pensionierung als Redakteurin und spätere Ressortleiterin „Frau“ beim „Kölner Express“. Im Jahr 1984 wurde ihr beeindruckendes Buch „Stell dich mit den Schergen gut“ veröffentlicht, in dem sie über ihre Zeit als politischer Häftling im DDR-Knast Hoheneck ausführlich berichtete. So erfuhr auch die interessierte Öffentlichkeit im Westen aus erster Hand von den unmenschlichen Praktiken des SED-Regimes. Das Buch wurde damals in über 120 Zeitungen rezensiert.
Immer wieder hat Ellen Thiemann als Journalistin auch zahlreiche Artikelserien in der Zeitung zum Thema DDR geschrieben, zum Beispiel den Zwangsadoptionen. Als Reporterin traf sie unter anderem Hans-Dietrich Genscher, Richard von Weizsäcker, Stefan Heym, Olga Havlová, die Frau des früheren tschechischen Präsidenten Vaclav Havel. Sie besuchte gemeinsam mit Helmut Kohl und Klaus Kinkel das Zuchthaus Bautzen. Besonders unangenehm in Erinnerung geblieben war ihr als Berichterstatterin der Prozess gegen den einst 32 Jahre amtierenden DDR-Minister für Staatssicherheit, Erich Mielke vor dem Landgericht Berlin im Jahr 1993. Mielke wurde wegen seiner Beteiligung am Doppelmord zweier Berliner Polizisten im Jahr 1931, zu sechs Jahren Haft verurteilt. Im Gerichtsgebäude wurde Ellen Thiemann von Mielke-Schergen massiv verbal bedroht. Sowie auch in den Folgejahren immer wieder.
Kritisch merkte sie mehrfach an, dass „die bundesdeutsche Justiz von Anfang an viel zu lasch mit den DDR-Tätern umgegangen“ sei. 24 Anzeigen hatte sie nach 1990 gegen Verantwortliche in der DDR gestellt, wie sie 2017 erklärte: „Doch nur in einem einzigen Fall kam es zu einer Verurteilung. Dabei handelte es sich um die DDR-Staatsanwältin Christa Roehl, die 1989 auch den erheblich verletzten Christian Gaudian, Freund des letzten Mauertoten Chris Gueffroy angeklagt hatte.“
Ellen Thiemann war eine resolute Frau, die sich nicht so leicht einschüchtern ließ, im Gegenteil: Bis fast zuletzt war sie als kompetente Zeitzeugin, die den Unrechtsstaat DDR leibhaftig erlebte, in ganz Deutschland unterwegs. Immer wieder auch mal in einer Talkshow im Fernsehen wie bei Sandra Maischberger. Als sie 2017 in der vor allem im Osten gelesenen Zeitschrift „SuperIllu“ eine ganze Seite über den einstigen DDR-Fußballtrainer Bernd Stange sah, dessen üble Vergangenheit als Stasi-Spitzel nicht mit einem Wort Erwähnung fand, protestierte sie umgehend bei der Redaktion wegen deren nostalgischer Geschichtsverklärung. Seit ihrer Übersiedlung in den Westen war sie von 1976 bis heute an zahlreichen Schuleinrichtungen als Referentin aktiv. Das Gespräch mit der jungen Generation sah sie als große Verpflichtung an. Sie forschte in Sachen SED-Unrecht, solange es ihre Kräfte zuließen und half Betroffenen.
Erst vor Monaten erhielt sie von der Stasiunterlagenbehörde in Berlin Dokumente, die belegen, dass „der einstige Fernseh-Dramaturg von DDR-TV-„Polizeiruf 110“-Folgen, Hans-Jürgen Faschina auch als Stasi-IM ‘Erich Engel’ tätig war und über sie berichtet hatte. Empört zeigte sich Frau Thiemann im Jahr 2017, „das die Identifizierung des Spitzels über zwanzig Jahre gedauert hat“.
Eines ihrer vielen Hobbys war das Malen. Ihren lebensbejahenden und farbenfrohen, kreativen Bildern sieht man an, dass all die schlimmen Erlebnisse und Erfahrungen aus der DDR-Zeit ihre Seele nicht zerstören konnten. Dass das SED-Regime untergegangen ist, erzwungen durch mutige Menschen in Ostdeutschland, die die Friedliche Revolution einleiteten, bezeichnete sie immer „als großes Glück“. Die seit der Wiedervereinigung förmlich wieder aufgeblühten, sanierten Städte, darunter vor allem auch ihre Geburtsstadt Dresden, besuchte sie besonders gerne. Sie hatte eigentlich noch so viel vor, wie sie im letzten Telefonat im April 2018 sagte. Ein neues Buch war in Arbeit und auch eine Vernissage der neuen Gemälde.